Die Krise als Innovationstreiber – ein Interview mit Dr. Thomas Niemann, IHK Hessen Innovativ


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Lisa HeryBeraterin BIEG HessenDie Welt der kleinen und mittleren Unternehmen lernte ich bereits im Studium der Betriebswirtschaft kennen, bevor ich praktische Erfahrung im Marketing von KMU gesammelt habe. Im Masterstudium der Sozial- und Kommunikationswissenschaften habe ich mich im Anschluss intensiv mit Unternehmenskommunikation beschäftigt.https://www.bieg-hessen.de

Die Krise als Innovationstreiber – ein Interview mit Dr. Thomas Niemann, IHK Hessen Innovativ

Geschrieben von Lisa Hery

10.07.2022

In der Digitalisierung gibt es für Unternehmen noch einige Herausforderung zu meistern. Gut, dass es die Kollegen von Hessen Innovativ gibt. Mit persönlichen Beratungen, Netzwerkveranstaltungen und Weiterbildungslehrgängen unterstützt Thomas Niemann und sein Team aktiv die Innovationskultur hessischer Unternehmen. Im Interview gibt er einen Einblick in die aktuelle Situation und erklärt, wie Unternehmen mit Kreativität durch die Krise kommen.
Die Unternehmen beschäftigen sich mit der Umstellung auf digitale Angebote und das in allen Branchen. Du berätst im Bereich Digitalisierung und sprichst somit mit vielen Entscheidern und Umsetzern in den Unternehmen. Was hat Corona mit den Unternehmen gemacht?

Corona hat alles auf den Kopf gestellt. Mitarbeiter blieben zu Hause. Projekte wurden kurzfristig mithilfe von Kollaborationstools aus dem Home-Office heraus bearbeitet. Auch die Team-Meetings funktionierten bei den meisten Unternehmen reibungslos. Sofern es die internen Abläufe im Unternehmen betraf, haben sich die Unternehmen sehr schnell an diese neuen Gegebenheiten gewöhnt. Digitale Tools wurden eingeführt und sehr professionell genutzt. All das wurde als Herausforderung angenommen.

Arbeiten On Remote –– was in der IT-Branche schon seit Jahrzehnten üblich ist –– haben die Mitarbeiter in den meisten Unternehmen professionell umgesetzt. Trotz aller Vorbehalte vor Homeoffice und der Technik.

Hat es Corona gebraucht, um die Umstellung zu finden?

Ja, hat es. Erst durch die Not haben wir uns umgestellt.

Welche Herausforderungen sind dir als Berater für Digitalisierungsprozesse bekannt?

Vor allem begegnet uns das Problem, dass die Menschen nicht zum Kunden kommen können. Wie sollen Dienstleistungen bei einem Unternehmen bspw. von Servicetechnikern aus dem Homeoffice erledigt werden? Bei diesen Problemen suchen Unternehmen nach Lösungen und wir versuchen diese Lösungsfindung durch Erfahrungsaustausch zu erleichtern. In Kreativ-Workshops und Webinaren diskutieren wir die Herausforderung und entwickeln gemeinsam Lösungsmöglichkeiten. Einer der Teilnehmer an unserem Workshop entwickelt aktuell einen digitalen After-Sale-Service.

Wichtig ist also die Flexibilität?

Absolut. Die Produktion von Viessmann z. B. hat in kürzester Zeit von Heizungsanlagen auf Beatmungsgeräte umgestellt und damit einen Bedarf gedeckt, der durch dieses Virus erst entstanden ist. Die Produkte eines großen Unternehmens in kürzester Zeit umzustellen, ist nicht trivial und geht mit großen digitalen Veränderungen einher.

Manche Unternehmen haben sehr starre Strukturen und sind sehr unflexibel in den Geschäftsmodellen und ihren Ausrichtungen. Diese Unternehmen können nicht auf Marktschwankungen und Veränderungen reagieren. Unternehmen, die „lean“ sind, also schlanke Prozesse haben, können in der aktuellen Krise profitieren.

Wie kann Hessen Innovativ Unternehmen helfen das Konzept in den Unternehmen zu implementieren?

Wir bieten seit kurzem den Zertifikationslehrgang zum Lean-Servicemanager an. Dieser beinhaltet das Thema Lean in der gesamten Wortschöpfungskette eines Unternehmens zu verstehen, einzuführen und zu begleiten Mit Corona hat Lean-Management eine völlig neue Bedeutung bekommen. Während es früher bei Lean den meisten darum ging, die Effizienz zu stiegern und Arbeitsplätze einzusparen, geht es in der Krise um Flexibilität, Erhöhung der Dynamik und so besser auf Krisen reagieren zu können.  Krisensicherheit = LEAN  – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil in der aktuellen Zeit.

Ein weiterer Faktor ist das Thema Online-Vertriebskanäle. Wie funktioniert das in Corona-Zeiten?

Digitales Verkaufen ist sicherlich schwieriger und langfristiger zu denken als das digitale Miteinander im Büro oder im Homeoffice.

Der digitale Vertrieb ist im B2B-Business möglich, aber da hilft sehr viel Kundenbindung  und Treue zu den Lieferanten und das ist im deutschen Mittelstand schon immer sehr gut betrieben worden. Dennoch – wer von globalen Lieferketten abhängig ist, sehnt sich nach der guten alten Zeit und regionalen Partnerschaften.

Vertrieb in der Social-Business-Umgebung sind in Corona-Zeit nicht mehr wegzudenken. Wie Sie mit XING und LinkedIn digitalen Vertrieb betreiben, lesen Sie im Blogbeitrag: VerLinkedIn und zugeXINGt – Neukundengewinnung über die B2B-Plattformen

Die Krise kam für alle plötzlich und viele Unternehmen waren von Ihren Digitalisierungsstrukturen noch nicht soweit. Welche Voraussetzungen sind nötig, um in kurzer Zeit einen Wandel vollziehen zu können, der ein Unternehmen marktfähig macht?

Aktuell zeigt sich, dass innovative Unternehmen – also Unternehmen in denen Kreativität im Bereich Forschung und Entwicklung, im Produktmanagement und in der gesamten Kultur verankert ist – besser auf den Markt reagieren können. Kreativität ist ein großer Bestandteil von Innovationsmanagement. Das betrifft nicht nur neue Produkterfindung, wie die Erfindung des iPhones. Unternehmen müssen heute innovativ in ihren Marktzugangsstrategien sein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Innovation, Lean und die digitale Kompetenz mit der entsprechenden Ausstattung  nach meiner Erfahrung die drei Voraussetzungen für das Meistern der Krise sind.

Wie könnt ihr als IHK-Einrichtung dabei helfen?

Das sind Themen, die wir im Rahmen von Produkten anbieten. Alle drei Themen, Lean-Management, Innovationsmanagement und Digitalisierungsmanagement gibt es als etablierte Zertifikatslehrgänge in unserem Portfolio. Plötzlich erfahren diese eine viel größere Aufmerksamkeit als zu einem Zeitpunkt, an denen die Auftragsbücher voll waren und die Mitarbeiter keine Zeit hatten zu Fortbildungen zu gehen. Jetzt kommt der Trend die „Krise als Chance zu nutzen“. In der Krise nicht in die Schockstarre zu verfallen, sondern ihr mit Impulsen zu begegnen und in die Zukunft zu blicken. Die IHK ist vorbereitet und kann die Fortbildungen digital anbieten oder wie beim „Innovationsmanager“ in großen Räumen mit viel Abstand zwischen den Teilnehmern.

Welche Methoden helfen dabei, die Krise zu bewältigen?

Design Thinking ist eine kundenzentrierte und iterative Methode für die Lösung von komplexen Problemen und die Entwicklung neuer Ideen. Mit der Design Thinking Methode gelingt es, unter Abwägung von Wirtschaftlichkeit, Machbarkeit und Erwünschtheit eine aus Kundensicht überlegene Lösung zu entwickeln

Kreativität ist ein schwierig zu fassendes Thema. Viele sehen darin mehr einen künstlerischen Prozess. Das ist so aber nicht richtig. Kreativität braucht Struktur, Rahmenbedingungen, Freiheiten – aber auch Regeln. Entwickeln Sie kreative Ideen, um aus der Krise eine Chance zu machen.

Dieses Interview führte Lisa Bier.

Lesen Sie hier nach, wie Sie die Innovationsmethode Design-Thinking einsetzen, um für Ihre Kunden relevante Inhalte zu generieren: Design Thinking meets Content Marketing

Weitere Informationen zu Beratungsmöglichkeiten über  Themen wie, Innovationsmanagement, CE-Kennzeichnung, gewerbliche Schutzrechte wie Patente, Design- und Markenschutz gibt es auf www.ihk-hessen-innovativ.de.

Neue Fördermöglichkeit für Digitalisierungsprojekte


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Dr. Angelika NiereMarketing ManagerinVon 2009 – 2021 war Dr. Angelika Niere Referentin und Content Managerin des BIEG Hessen. Heute ist sie Marketing Managerin des Hofheimer Big-Data-Dienstleisters Palturai. Die Spezialität der Marketing-Allrounderin und promovierten Germanistin sind Storytelling und die einfache Präsentation komplizierter Sachverhalte. Sie hat über 200 Fachartikel zu allen Themen des Online-Marketing geschrieben.https://palturai.com

Neue Fördermöglichkeit für Digitalisierungsprojekte

Geschrieben von Angelika Niere

22.07.2022

In Zeiten wie diesen sind Unternehmen mehr denn je auf den digitalen Fortschritt angewiesen, um im Wettbewerb zu bestehen. Viele müssen jetzt investieren, haben aber zugleich in der Krise besonders eingeschränkte Mittel zur Verfügung. Zu diesem Zweck hat bereits vor einigen Wochen der Dachverband der IHK eine Datenbank ins Leben gerufen, um Ihnen die Suche nach Anbietern und digitalen Lösungen zu erleichtern. Damit Sie sich derartige Angebote auch leisten können, ruft nun das Bundeswirtschaftsministerium die neue Fördermöglichkeit „Digital Jetzt“ für Digitalprojekte ins Leben.

Die Förderung richtet sich an Unternehmen aller Branchen inklusive des Handwerks und der freien Berufe, die zwischen 3 und 499 Mitarbeiter beschäftigen. Gefördert werden nicht nur Investitionen in digitale Technolgien wie z.B. die Einführung entsprechender Softwares, sondern auch Weiterbildungen der Angestellten zu entsprechenden Digitalthemen.

  • Das Antragsstellungstool wurde am 7. September freigeschaltet.
  • Der Antrag auf Förderung ist bis einschließlich 2023 zu stellen.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des BMWi.

„Wenn das umfällt, sind wir tot“: So schaffen Sie IT-Sicherheit


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Dr. Angelika NiereMarketing ManagerinVon 2009 – 2021 war Dr. Angelika Niere Referentin und Content Managerin des BIEG Hessen. Heute ist sie Marketing Managerin des Hofheimer Big-Data-Dienstleisters Palturai. Die Spezialität der Marketing-Allrounderin und promovierten Germanistin sind Storytelling und die einfache Präsentation komplizierter Sachverhalte. Sie hat über 200 Fachartikel zu allen Themen des Online-Marketing geschrieben.https://palturai.com

„Wenn das umfällt, sind wir tot“: So schaffen Sie IT-Sicherheit

Geschrieben von Angelika Niere

01.07.2022

Beim IT-Sicherheitstag hackte Cyber-Security-Experte Alexander Dörsam sich im Handumdrehen in die Handys der anwesenden Teilnehmer. Im Interview verrät der Geschäftsführer der Bensheimer Antago GmbH, was im Schadensfall zu tun ist.

BIEG: Herr Dörsam, wenn ich als Unternehmerin morgens vor der Tür stehe und der Safe steht offen, dann weiß ich: Es wurde eingebrochen. Ich sollte nichts anfassen und die Polizei rufen. Was ist das Cyber-Gegenstück? Weiß ich überhaupt automatisch, dass ein Angriff auf meine IT stattgefunden hat?

AD: Das weiß man absolut nicht. Unserer Erfahrung nach werden die meisten IT-Sicherheitsvorfälle erst bekannt, wenn der Täter das Unternehmen darüber informiert. Das geschieht meistens im Zuge einer Erpressung. Egal ob Kleinstbetrieb oder DAX-Unternehmen, die wenigsten verfügen über ein wirklich belastbares Sicherheitssystem, das Angriffe erkennen kann. Nach einem Hackerangriff ist scheinbar alles noch so wie gestern. Außerdem gibt es viele verschiedene Arten von Sicherheitsvorfällen. Angriffe können über Netzwerke erfolgen. Sie können aus Nutzersicht passiv erfolgen, also quasi ohne Schadsoftware oder Userinterkation, oder Sie können die User täuschen…

BIEG: Und wenn es dann soweit ist, wie sollte man reagieren? Nichts anfassen und die Polizei rufen?

AD: Das lässt sich nicht pauschalisieren, gerade weil die Angriffe so verschieden sein können. Aber es ist wichtig, richtig zu agieren, weil sehr viele Handlungsentscheidungen, die wir während einem Sicherheitsvorfall treffen, Konsequenzen haben – positive wie auch negative. Deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld ein paar Gedanken darüber zu machen, wie grundsätzlich verfahren werden soll. Perfekt wäre, wenn man den Angriff bemerkt und meldet und bereits ein Set zuvor getroffener Entscheidungen vorliegen hat, die diktieren, wie es weitergehen soll.

BIEG: Also braucht man eine Sicherheitsrichtlinie.

AD: Also muss man als erstes festlegen, was man überhaupt unter einem Sicherheitsvorfall versteht. Und als nächstes muss ein Meldewesen im Unternehmen eingerichtet werden. Die meisten gehen davon aus, dass der Vorfall beim Sicherheitsverantwortlichen aufschlagen wird, aber das ist oft nicht der Fall. Stattdessen bemerkt zum Beispiel der Buchhalter oder die Buchhalterin etwas Komisches. Also muss diese Person wissen, wem sie dieses Problem melden muss. Und der Verantwortliche kann dann den Handlungsplan anstoßen.

BIEG: Wie können sich Unternehmen einen Überblick verschaffen, um herauszufinden, gegen welche möglichen Attacken sie sich wappnen müssen – insbesondere die kleinen ohne internes Fachpersonal?

AD: Da gilt für Firmen aller Größen dasselbe. Man sollte sich szenarienbasierte Gedanken machen. Was sind die Top-5-Katastrophen, die ich mir ausmalen kann? Wie könnte ich mich dagegen absichern und im Ernstfall damit umgehen? Das ist nicht ganz trivial, denn einen Königsweg gibt es nicht. Man kann die richtige Antwort nicht googeln. Auf jeden Fall sollte man prüfen, an welchen Stellen Abhängigkeiten gegenüber der IT bestehen. Und dann fragen: Wie gewährleiste ich, dass diese Prozesse bei Ausfall weiter funktionieren? Meisten wird den Unternehmen erst an dieser Stelle bewusst, wie IT-abhängig sie eigentlich sind. Die Unterschätzung der IT-Systeme wird auch mit Blick auf die Budgetierung von IT-Abteilungen deutlich. IT ist lange nicht mehr etwas, was man „halt hat“, sondern das Rückgrat einer jeden Firma, ohne das nichts mehr funktioniert.

BIEG: Einem Sicherheitsreport des Bundes zufolge sind siebzig Prozent der Unternehmen bereits Opfer eines Cyberangriffs geworden. Bestätigt Ihre Erfahrung das?

AD: Ich bin kein Freund von Statistiken. Aber wenn die Frage ist, ob schon mal jemand versucht hat, gegen das Unternehmen vorzugehen, würde ich sogar von hundert Prozent ausgehen. Wer sich anschaut, wie viele Hacks täglich auf den vielen verschiedenen Plattformen stattfinden, sieht sich Zahlen gegenüber, nach denen es eigentlich unmöglich sein sollte, dass Unternehmen sich digitalen Angriffen komplett entziehen. Ich glaube aber, die wenigsten bekommen mit, dass sie jeden Tag unter Feuer stehen.

BIEG: Viele kleine Unternehmen stellen sich auf den Standpunkt: „Ich habe ja keine Feinde.“

AD: Ja, klar. Viele sagen: „Ich bin ja uninteressant“, obwohl das unternehmerisch ja schon mal bedenklich ist. Aber es ist auch quantitativ so, dass so viele Angriffe stattfinden, das ist Schleppnetzfangen. Da wird nicht die Firma Meier angegriffen, sondern jemand greift 10 Millionen Firmen an, und die Firma Meier ist eine davon.

BIEG: Können Sie uns einen Tipp geben, was man im Anschluss an diesen Artikel sofort tun könnte, um die IT-Sicherheit zu verbessern?

AD: Ich glaube: Reflexion. Erst mal verstehen, wo die Abhängigkeiten von der IT liegen, und dann den gesunden Menschenverstand einsetzen. Wenn wir das System eines Kunden testen, der uns warnt: „Passt aber auf – wenn das umfällt, sind wir tot, das System gibt es nur einmal“, haben wir schon eine Antwort. Gesunder Menschenverstand, ehrliche Reflexion, Kommunikation. Die meisten scheitern schlicht an der internen Kommunikation. Weil etwas passiert, aber keine Handlungsregel festgelegt wurde. Oft läuft etwas schief und die Mitarbeiter sind so eingeschüchtert, dass sie keinem davon erzählen. Also bildet sich eine Fehlerkultur heraus. Für all das braucht man keinen Berater, da braucht man kein Geld – das kann jeder selbst machen. Die eigenen Leute sind im Prinzip das stärkste Werkzeug, das wir einem Angreifer gegenüberstellen können, also müssen wir anfangen, dieses Potential auszuschöpfen. Und dann als zweiten Tipp – man sollte sich gegen falsche Experten und große Technikversprechen wappnen, denn da wird viel Schlangenöl verkauft. Für einen vernünftigen Umgang mit Sicherheitsproblemen muss man nichts Verrücktes tun. Aber danach sollte man dann schon irgendwann professionell an das Thema herangehen, um seine Abhängigkeiten und die Angriffsvektoren richtig zu verstehen. Dabei können dann Audits und Experten helfen.

BIEG: Vielen Dank!